Hartmetall-Sortenauswahl: Kobaltgehalt, Korngröße und ISO K-Klasse
Praxisorientierter Ingenieurleitfaden zur Auswahl der richtigen Hartmetallsorte für Verschleiß-, Schlag- und Korrosionsanwendungen.
Zwei Hartmetallkomponenten, die auf der Zeichnung identisch aussehen, können eine Standzeit aufweisen, die sich um den Faktor drei bis fünf unterscheidet, und die Ursache liegt ausschließlich in der verwendeten Sorte. Hartmetall ist kein einheitlicher Werkstoff. Es handelt sich um eine Familie von WC-Co-Verbundwerkstoffen, deren mechanisches Verhalten über drei unabhängige Stellhebel eingestellt wird: Kobaltgehalt, Wolframkarbid-Korngröße und Karbidadditive. Eine falsche Kombination dieser Parameter ist die häufigste Ursache für das vorzeitige Versagen von Hartmetallbuchsen, Düsen, Matrizen und Bohrkomponenten.
Dieser Artikel beschreibt das Vorgehen von Eurobalt bei der Sortenauswahl im Rahmen des ISO 513 K-Klassensystems, das als Referenz in der europäischen Hartmetallfertigung dient, und zeigt, wie sich die Einsatzbedingungen in eine konkrete Sortenempfehlung übertragen lassen.
Warum die Sortenauswahl entscheidend ist
Ein WC-Co-Hartmetall liegt auf einer Pareto-Front zwischen zwei gegenläufigen Eigenschaften: Härte (bestimmt die Verschleißfestigkeit) und Biegebruchfestigkeit (bestimmt die Schlag- und Schwingfestigkeit). Beides gleichzeitig zu maximieren ist nicht möglich. Jede Sorte stellt einen gezielten Kompromiss an einer bestimmten Stelle dieser Kurve dar.
In der Praxis bedeutet das:
- Eine Düse, durch die reines abrasives Wasser strömt, profitiert von einer harten, feinkörnigen Sorte mit niedrigem Kobaltgehalt, doch dieselbe Sorte bricht bei Einsatz als Schlagbohreinsatz schlagartig aus.
- Eine Buchse in einem Schlaghammer benötigt eine zähere Sorte mit höherem Kobaltgehalt, verbaut man jedoch dieselbe Sorte in einer Präzisionsdrossel, verschleißt sie innerhalb weniger Stunden.
Der Auswahlprozess folgt daher nicht dem Prinzip „härtester verfügbarer Werkstoff gewinnt“. Er besteht darin, die Position auf der Härte-Zähigkeit-Kurve an den im Betrieb dominierenden Versagensmechanismus anzupassen.
Die drei Stellhebel der Hartmetalleigenschaften
1. Kobaltgehalt (Bindephase)
Kobalt bildet das zusammenhängende metallische Netzwerk, das die WC-Körner verbindet. Es ist der zentrale Stellhebel für die Zähigkeit.
| Co-Gehalt | Verhalten |
|---|---|
| 3-6 % | Höchste Härte, geringste Zähigkeit, ausschließlich reiner Abrasivverschleiß |
| 6-10 % | Ausgewogener Verschleiß und moderate Schlagfestigkeit |
| 10-15 % | Deutlich verbesserte Schlagzähigkeit, reduzierte Härte |
| 15-25 % | Anwendungen mit starker Schlagbeanspruchung und Umformung, etwa Kaltstauchmatrizen |
Jeder zusätzliche Prozentpunkt Kobalt senkt die Härte in der Regel um etwa 0,5 HRA und erhöht die TRS um 50-100 MPa.
2. Wolframkarbid-Korngröße
Die Korngröße wird nach ISO 4499 klassifiziert und beeinflusst die Eigenschaften ebenso stark wie der Kobaltgehalt. Bei gleichem Co-Gehalt liefert ein feineres Gefüge höhere Härte und bessere Kantenstabilität, während ein gröberes Gefüge vor dem Bruch mehr Energie aufnimmt.
| Klasse | Mittlere WC-Korngröße | Typische Wirkung |
|---|---|---|
| Ultrafein (UF) | < 0,5 μm | Höchste Härte, scharfe Kanten, empfindlich gegen Ausbrüche |
| Fein (F) | 0,5-1,4 μm | Hohe Verschleißfestigkeit, feine Oberflächengüte |
| Mittel (M) | 1,4-3,4 μm | Allzweck-Verschleiß- und Strukturbauteile |
| Grob (C) | 3,4-5,0 μm | Verbesserte Thermoschock- und Schlagfestigkeit |
| Sehr grob (XC) | > 5,0 μm | Starke Schlagbeanspruchung, Gesteinsbohren |
3. Karbidadditive
Geringe Zusätze sekundärer Karbide verändern einzelne Eigenschaften, ohne die WC-Co-Basis zu verändern:
- TaC, NbC: erhöhen die Warmhärte und verringern die Kantenverformung.
- Cr₃C₂: wirkt beim Sintern als Kornwachstumsinhibitor und verbessert die Korrosionsbeständigkeit.
- TiC: steigert die Warmhärte und verringert die Affinität zu eisenhaltigen Werkstoffen (relevant eher für Schneidwerkzeuge als für Verschleißteile).
Bei den meisten bei Eurobalt gefertigten Verschleiß- und Strukturbauteilen werden die Additive minimal gehalten, um das Zähigkeitsprofil des WC-Co-Grundwerkstoffs zu erhalten.
Sortenkarte der ISO 513 K-Klasse
Die ISO 513 K-Klassifikation umfasst Hartmetalle zur Bearbeitung von Gusseisen, Nichteisenmetallen und nichtmetallischen Werkstoffen und gilt darüber hinaus als Standardreferenz für Verschleißteile und strukturelle Hartmetallkomponenten. Niedrigere K-Nummern stehen für härtere, verschleißfestere Sorten, höhere K-Nummern für zähere Sorten für Schlag- und Umformbeanspruchung.
Die folgende Tabelle zeigt den typischen Eigenschaftsbereich des bei Eurobalt gefertigten K-Sortenspektrums:
| ISO 513 Klasse | Co-Gehalt | Korngröße | Härte (HRA) | TRS (MPa) | Dichte (g/cm³) | Typische Anwendungen |
|---|---|---|---|---|---|---|
| K01-K10 | 3-6 % | UF / F | 91,5-93,0 | 1500-1800 | 14,9-15,1 | Präzisions-Verschleißeinsätze, Wasserstrahldüsen, feine Durchflussdüsen, Dichtringe für leichte Beanspruchung |
| K20 | 6-8 % | F / M | 90,0-91,5 | 1800-2100 | 14,7-14,9 | Buchsen, Plunger, Ventilsitze, abrasiv beanspruchte Hülsen |
| K30 | 8-10 % | M | 88,5-90,0 | 2000-2300 | 14,4-14,7 | Öl- und Gas-Chokes, Bohrloch-Buchsen, magnetisierte Funktionsteile, allgemeiner Industrieverschleiß |
| K40 | 10-15 % | M / C | 86,5-88,5 | 2200-2500 | 13,9-14,4 | Walzrollen, Schlagbohrer-Einsätze, Bauteile unter zyklischer Schlagbeanspruchung |
| K50 | 15-25 % | C / XC | 82,0-86,5 | 2400-2800 | 13,0-13,9 | Kaltstauchmatrizen, Bergbaupicks, schwere Stanzwerkzeuge |
Die angegebenen Werte stellen typische Bereiche dar und werden für jede Charge im nachfolgend beschriebenen internen Qualitätsprogramm bestätigt.
Zielkonflikt zwischen Härte und Zähigkeit
Jede Sorte der K-Klasse nimmt eine bestimmte Position auf der Härte-Zähigkeit-Kurve ein. Beim Übergang von K01 zu K50 sinkt die Härte von etwa 93 auf etwa 83 HRA, während die Biegebruchfestigkeit von etwa 1500 auf 2800 MPa steigt. Die jeweilige Anwendung legt eine Zielzone auf dieser Kurve fest, und die Auswahl wird damit zu einem geometrischen und nicht zu einem kategorialen Problem.
Sortenauswahl nach Einsatzszenario
Szenario A. Reiner Abrasivverschleiß, geringe Schlagbelastung
Beispiele: Fokusierrohre für Wasserstrahlschneiden, Sandstrahldüsen, Schlammdüsen, Dichtringe für leichte Beanspruchung.
Der dominierende Versagensmechanismus ist die Partikelerosion. Härte und feine Korngröße stehen im Vordergrund, die Zähigkeit ist zweitrangig, da keine Schlagbeanspruchung auftritt.
Empfohlene Sorte: K01-K10, feines oder ultrafeines Korn, 4-6 % Co.
Szenario B. Abrasion in Verbindung mit zyklischer Last oder Druck
Beispiele: Öl- und Gas-Choke-Rohre, Bohrloch-Buchsen, Ventilkerne in Hochdrucksystemen, hydraulische Verschleißhülsen.
Das Bauteil sieht abrasive Medien und gleichzeitig zyklische mechanische Belastung oder Druck. Reine K10-Sorten reißen unter Ermüdung, K40-und-höhere Sorten erodieren zu schnell.
Empfohlene Sorte: K20-K30, mittleres Korn, 7-9 % Co. Dies ist der Arbeitsbereich für den Upstream-Sektor von Öl und Gas und für Hochdruck-Industrieverschleißteile.
Szenario C. Schlagdominierter Verschleiß
Beispiele: Walzrollen, Schlagbohrkronen, hammergeführtes Werkzeug, Brechereinsätze.
Das Bauteil muss wiederholte Stöße ohne Ausbruch aufnehmen. Härte wird zugunsten der Bruchzähigkeit geopfert.
Empfohlene Sorte: K40, mittleres bis grobes Korn, 10-15 % Co. Bei außergewöhnlich hoher Schlagenergie, etwa bei schweren Bergbaupicks oder Kaltstauchmatrizen, ist K50 mit 15-25 % Co die passende Wahl.
Szenario D. Korrosive oder chemisch aggressive Medien
Beispiele: Bauteile im Kontakt mit sauren Prozessflüssigkeiten, Solen oder chloridhaltigen Medien.
Standard-WC-Co verliert Kobalt durch Auslaugung in sauren Medien. Es gibt zwei Strategien:
- Cr₃C₂ zugeben (typisch 0,5-1 %), um die Binderphase zu passivieren und die Korrosion zu verlangsamen.
- Bei aggressiveren Medien auf ein WC-Ni– oder WC-Ni-Cr-Bindersystem wechseln, das einen geringen Zähigkeitsverlust gegen deutlich höhere chemische Beständigkeit eintauscht.
Eine kurze Abstimmung der Einsatzbedingungen in der Angebotsphase ermöglicht es dem Metallurgie-Team von Eurobalt, die richtige Binderanpassung vorzuschlagen, statt auf eine Standard-WC-Co-Sorte zurückzugreifen.
Verifizierung der gelieferten Sorte
Eine Sortenvorgabe ist nur dann sinnvoll, wenn sie am fertigen Bauteil überprüfbar ist. Jede Eurobalt-Charge wird gegen den Eigenschaftsbereich der deklarierten K-Klasse mit folgenden Methoden qualifiziert:
- Härteprüfung nach ISO 3878: Vickers HV30 oder Rockwell HRA, mit Stichprobenstatistik für Produktionschargen.
- Biegebruchfestigkeit nach ISO 3327: zerstörende Prüfung repräsentativer Biegeproben aus demselben Sinterzyklus.
- Dichtemessung: direkter Abgleich mit der theoretischen Dichte für den angegebenen Co-Gehalt; Abweichungen weisen auf Restporosität hin.
- Porositätsbewertung nach ISO 4505: metallografischer Vergleich mit den Standard-Porositätsklassen A/B/C.
- Gefügeanalyse nach ISO 4499: optische Messung der mittleren Korngröße und ihrer Verteilung.
- Magnetische Verfahren: Koerzitivfeldstärke (Hc) und magnetische Sättigung (σ) liefern eine zerstörungsfreie Bestätigung von Kobaltgehalt und effektiver Korngröße auf Chargenebene. Besonders nützlich, wenn 100 % einer Charge geprüft werden müssen.
Für Funktionskomponenten wie die magnetisierten K30-Buchsen aus dem Eurobalt-Programm nach ISO 2768-mK wird die magnetische Verifizierung an jedem Teil und nicht nur stichprobenweise durchgeführt.
Was für eine Sortenempfehlung benötigt wird
Das Engineering-Team von Eurobalt kann eine konkrete Sorte vorschlagen, sobald folgende Angaben vorliegen:
- Zeichnung oder Skizze mit kritischen Maßen und Anforderungen an die Oberflächengüte.
- Einsatzbedingungen: Temperaturbereich, Medium (mit Abrasivart und Partikelgröße, falls bekannt), chemische Aggressivität.
- Belastungsprofil: statisch, zyklisch oder schlagartig; Amplitude und Frequenz.
- Geforderte Oberflächengüte: Ra auf den Funktionsflächen; dieser Parameter bestimmt die Schleifstrategie und indirekt die maximal zulässige Korngröße.
- Chargenvolumen und Toleranzklasse: ausschlaggebend für die Wahl zwischen Lieferung im gesinterten Zustand, leicht geschliffen oder vollständig geschliffen.
- Paarungsteile: besonders relevant für Press-, Löt- oder Schrumpfverbindungen.
Mit diesen Angaben lässt sich die Sorte in der Regel in einer einzigen Engineering-Abstimmung festlegen, und ein Angebot kann ohne weitere Iteration erstellt werden.
Fertigungskapazitäten im eigenen Haus
Eurobalt fertigt die gesamte Bandbreite der ISO 513 K-Klassen, wobei der komplette Produktionszyklus im eigenen Werk gesteuert wird:
- Mischen von WC- und Co-Pulvern mit kontrollierter Binderverteilung
- Kaltpressen und isostatisches Pressen der Grünlinge
- Vakuum- und Schutzgas-Sinterung bei 1350-1450 °C
- Diamantschleifen der Funktionsflächen bis Ra 0,4 μm oder besser
- Vollständige dimensionelle, mechanische, gefügekundliche und magnetische Prüfung
- Laserbeschriftung zur Rückverfolgbarkeit
Die Bauteilmasse reicht von 0,001 kg (kleine Präzisionseinsätze) bis 300 kg (große Rollen und Strukturbauteile), mit Toleranzen im Sinterzustand von ±0,15 mm und Schleiftoleranzen von ±0,01 mm.
Normenübersicht
| Norm | Anwendungsbereich |
|---|---|
| ISO 513 | Klassifizierung von Hartmetallen nach Anwendung (Klassen K/M/P/N/S/H) |
| ISO 4499 | Klassifizierung und Messung der WC-Korngröße |
| ISO 3878 | Vickers-Härteprüfung von Hartmetallen |
| ISO 3327 | Biegebruchfestigkeit, Biegestab-Prüfung |
| ISO 4505 | Metallografische Porositätsbewertung (Klassen A/B/C) |
| ISO 2768-mK | Allgemeine Maßtoleranzen, Toleranzklasse mittel |





